đź’ˇ Das sagen die Experten

 

Was lässt sich gegen Hasskommentare im Internet tun? Christiane Teschl-Hofmeister hat über das Thema mit drei Experten gesprochen. Sie beschäftigen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit dem Thema.

Foto: Ingo Pertramer/Brandstätter Verlag

Ingrid Brodnig ist Autorin in Ă–sterreich und zur Expertin in Sachen Hate Speech avanciert – mit ihren BĂĽchern „Der unsichtbare Mensch“ , „Hass im Netz“ und  zuletzt 2017 „LĂĽgen im Netz“ .

 

Foto: Thilo Schacht

Alex Urban ist Sprecher der Initiative #ichbinhier, einer Facebook-Gruppe, die seit 2016 gegen Hasskommentare im Internet vorgeht.

 

Foto: ORF

Birgit Leitner-Telser ist Leiterin  der ORF.ON-Debatte und damit zuständig fĂĽr die Betreuung der ORF-Community.

 

 


Ingrid Brodnig ĂĽber Ăśberzeugungen

FĂĽr Ingrid Brodnig ist es eine wichtige Erkenntnis, dass man sehr ĂĽberzeugte oder womöglich aggressive Nutzer nicht ĂĽberzeugen können wird. „Je frĂĽher man das einsieht, desto eher kann man sich realistische Ziele beim Diskutieren setzen. Zum Beispiel lohnt sich das Wortergreifen im Netz, um Opfern von Hasskommentaren zu sagen: ‚Lass dich nicht unterkriegen.‘ Man könne auch einfach mal, wenn der Ton hart wird, posten: ‚Ich finde nicht in Ordnung, was ĂĽber XYZ gesagt wird.'“ Ein ganz wichtiger Grund, um online zu diskutieren, sind fĂĽr Broding jene Mitlesenden, die sich noch keine feste Meinung gebildet haben.  Sie könne man sehr wohl mit Argumenten erreichen.

Foto: Ingo Pertramer/Brandstätter Verlag
… ĂĽber Humor

„Humor hilft, weil er sehr viel Aggression aus der Debatte nehmen kann“, meint die Autorin. Humor hat die Möglichkeit, auch die Absurdität unfairer Aussagen aufzuzeigen. Das Problem dabei sei nur, dass die Menschen nicht humorvoll sind, wenn man sie hart angreift, sondern gekränkt. „Oft sind die Antworten im Affekt eher spöttisch als wirklich wichtig – und gerade Spott als Antwort kann ungeschickt sein oder arrogant wirken.“ Deswegen sollte man im Zweifelsfall einen Kollegen oder Kumpel fragen, ob ein Post wirklich lustig ist oder doch zu hart, rät Ingrid Brodnig.

… ĂĽber die besten Anreize fĂĽr User, sich „anständig“ zu benehmen

„Tatsächlich haben Redaktionen sehr gute Erfahrungen damit gemacht, einzelne Leserkommentare positiv hervorzuheben. Das zeigt zum einen, dass die Redaktion sehr wohl mitverfolgt, wie und was auf ihrer Seite diskutiert wird und zum anderen dass sie wohlĂĽberlegte Wortmeldungen schätzt.“

… ĂĽber die beste Taktik im Umgang mit unangenehmen Usern

Ein Patentrezept gibt es nicht, meint Brodnig – aber es gibt ein paar Hilfsmittel: „Es lohnt sich oft, sachlich auf Kritik zu reagieren oder nachzufragen. In vielen Fällen reagieren Menschen dann wieder sachlicher, weil sie merken, da ist jemand, der reagiert auch sachlich. In manchen Fällen werden User aber auch gereizt und ausfällig – dann weiĂź ich wenigstens, okay, dieser Nutzer sucht keine sachliche Debatte.“ Hier findet es Brodnig wichtig, dass Medien transparent machen, was ihre Regeln sind und welche Postings sie entfernen – und sich dann auch geradlinig an ihre eigenen Regeln halten.

… ĂĽber den besten Zeitpunkt, zur „Anzeige zu greifen“

„Ich wĂĽrde spätestens dann empfehlen, juristische Schritte zu ergreifen, wenn das eigene Leben durch aggressive Postings eingeschränkt wird: Wenn man durch falsche GerĂĽchte niedergemacht und geschädigt wird (womöglich Tatbestand der ĂĽblen Nachrede), wenn man kontinuierlich von einem Nutzer so fertig gemacht wird, dass man massiv darunter leidet (womöglich Tatbestand des Cybermobbing) oder wenn man bedrohliche Postings erntet, die einen richtig in Angst versetzen (womöglich gefährliche Drohung)“, sagt Ingrid Brodnig. Es gebe keine Sicherheit, was vor Gericht verurteilt wĂĽrde, aber ein vager Gradmesser sei: Je persönlicher und herabwĂĽrdigender Postings sind, desto eher hat man juristische Chancen.

… ĂĽber die Bedeutung von Mitsprache im Netz

Eine wesentliche Aufgabe von Medien ist, Ă–ffentlichkeit herzustellen, eine öffentliche Debatte zu ermöglichen. Dementsprechend sinnvoll findet es Ingrid Brodnig es, diese öffentliche Debatte gemeinsam mit dem Leser zu fĂĽhren – und dabei einen sachlichen Austausch zu ermöglichen. „Nur stellt sich tatsächlich die Frage, inwieweit das finanzierbar ist. FĂĽr die reichweitenstarken Medien wird es hohe Moderationskosten bedeuten, wenn sie unter jedem Artikel Diskussionen ermöglichen und gleichzeitig darauf achten, dass keine Beleidigungen oder Bedrohungen fallen (oder rasch entfernt werden). Eine Lösung kann sein, dass man sehr wohl Debatten ermöglicht, allerdings nur zu einem Teil der Texte.“

… ĂĽber den Umgang mit Facebook-Kommentaren

„Wenn ich als Medium Diskussion hauptsächlich ĂĽber Facebook zulasse, bin ich natĂĽrlich auch den Regeln und technischen Vorgaben Facebooks unterworfen“, gibt Brodnig zu bedenken. Auf der eigenen Webseite könne man technisch die Rahmenbedingungen vorgeben: „Zum Beispiel kann man auf der eigenen Webseite einstellen, dass Kommentare erst öffentlich sichtbar erscheinen, nachdem ein Moderator diese gelesen und freigegeben hat. Dieses Feature bietet Facebook fĂĽr seine Pages nicht. Gleichzeitig gibt es praktische Moderationstools der Plattform: Seiten können einstellen, dass Kommentare unter einem Post nicht chronologisch gereiht werden, sondern sogenannte Top-Kommentare als oberstes angezeigt werden. So kann man als Seite auch stärker beeinflussen, was User als erstes zu einem Thema sehen. nach oben


Foto: Thilo Schacht

 

Alex Urban ist Sprecher der Initiative #ichbinhier, einer Facebook-Gruppe, die seit 2016 gegen Hasskommentare im Internet vorgeht. Ziel der Gruppe ist es, das Diskussionsklima zu verbessern. Gruppenmitglieder suchen nach Beiträgen und Kommentaren, die Schmähungen, Beleidigungen und Hasskommentare beinhalten. Diese werden in der Gruppe geteilt und damit den anderen Gruppenmitgliedern bekanntgemacht. Die Mitglieder schreiben dann sachlich und respektvolle Kommentare und liken entsprechende Beiträge und Kommentare. Dabei wird der Hastag #ichbinhier verwendet.

… ĂĽber das Ziel

„Eine starke Gemeinschaft sollte sich gegenseitig zur Hilfe kommen und unterstĂĽtzen, wenn der Einzelne allein auf weiter Flur steht, um Sachlichkeit, Empathie und Respekt einzufordern“, sagt Urban. Das anfängliche Ziel, die beschriebenen Kommentare aus den Foren im deutschsprachigen Internet gänzlich zu eliminieren, wurde nicht erreicht. „Vielleicht war das Ziel auch etwas hochgesteckt, angesichts der Organisation und Vernetzung der Gegenseite, resĂĽmiert Urban. Ein weiteres Ziel, nämlich das Thema Hatespeech in die Medien zu bringen, wurde hingegen erreicht, meint Urban. „Das haben wir geschafft beziehungsweise waren wir daran durchaus beteiligt.“

… ĂĽber den eigenen Erfolg

#ichbinhier hat auf Facebook mittlerweile mehr als 36.700 Mitglieder. „Der Aufwand ist erheblich. Wir treffen uns morgens ab 7.30 Uhr und haben den ganzen Tag in verschiedenen Konstellationen beziehungsweise wechselnder Besatzung Kontakt, bis circa 23.00 Uhr“, so Urban. Einige kĂĽmmern sich um die Mitgliederanfragen, andere scannen die Medien und starten die Aktionen. „Wir halten so lange durch, wie es geht. Da gibt es keinen Zeitplan. Das schulden wir den Mitgliedern und uns, nicht so schnell aufzugeben.“ Die Erfolge können laut Urban einerseits weich gemessen werden, also ĂĽber die Präsenz des Themas in den Medien. „Wir haben aber auch die Möglichkeit, herauszufinden, wie viele stille Mitleser wir aktiviert haben. Zum Beispiel aktivieren wir in Form von Likes circa 70% der mitlesenden Nutzer. Die restlichen 30% der likenden Nutzer sind wir. Das ist aber abhängig vom Medium. Am meisten erreichen wir bei Welt, Spiegel Online und Tagesschau. Kaum jemanden ĂĽberraschenderweise bei N24, Focus und Kronen Zeitung.“

Die Mitglieder von #ichbinhier engagieren sich nicht auf privaten oder Parteiseiten. Ihr Einsatz zielt vor allem auf Medien mit einer Reichweite von mehr als 100.000 Nutzern auf Facebook ab.

… ĂĽber die beste Taktik

Jedes Mitglied habe seine eigene Taktik, sagt Urban. Aber auf jeden Fall spiele Humor dabei eine gewichtige Rolle. „Ich persönlich sehe darin ein sehr gutes Mittel, seine Punkte zu setzen, ohne zu sehr auf Konfrontation zu gehen. Man kann da ja trotzdem Fakten unterbringen.“

Counterspeech, also die aktive Gegenrede, werde einen wirklichen Troll oder Hater aber wohl niemals dazu bringen, seine Meinung grundlegend zu ändern, glaubt Urban. „Es funktioniert nur dahingehend, den stillen Mitleser zu ĂĽberzeugen, Haltung zu zeigen, den Mund aufzumachen. Wir werden selten jemanden der ĂĽberzeugten Gegenseite mit Argumenten beeinflussen können. Das gelingt nur selten, gerade in der Online-Kommunikation, wo jeder Recht und das letzte Wort haben will. Es geht dann immer um den Mitleser.“ nach oben


 

Foto: ORF

Birgit Leitner-Telser ist Leiterin  der ORF.ON-Debatte und damit zuständig fĂĽr die Betreuung der ORF-Community.

… ĂĽber „Problem-User“

Birgit Leitner leitet die ORF-Community seit Jahren. In der Zeit hat sich viel verändert, sagt sie. „Waren zunächst noch Kommentare zu allen News-Geschichten auf ORF.at zulässig, gebietet es jetzt das Gesetz, nur noch wenige Themen zur Diskussion frei zu geben. Nichts desto trotz ist die Arbeit aufwendig geblieben.“ Auch wenn Leitner schätzt, dass nur etwa zwei Prozent der User auf ORF.at echte Problem-User sind.

… ĂĽber das Löschen von Kommentaren

„Wir haben sehr enge Spielregeln, vor allem was Thementreue und Streitigkeiten unter Usern angeht und so sind beinahe alle User, die sich häufig an Diskussionen beteiligen, dann und wann von Löschungen betroffen. Bei besonders heiklen Themen kann es schonmal zu einer Löschquote von um die 25% kommen“, sagt Birgit Leitner-Telser. Wir setzen User ĂĽber die Löschungen nicht aktiv in Kenntnis, bemĂĽhen uns jedoch Anfragen zu Löschungen so gewissenhaft wie möglich zu beantworten.“

… ĂĽber die beste „Taktik“

„Wir haben die Möglichkeit, Nicknames zeitlich begrenzt zu sperren. Die häufigsten Sperren sind Kurzzeitsperren von sechs Stunden aufwärts.“ Derartige Sperren werden meist verhängt, wenn ein User massiv versucht, eine Debatte zu stören, erklärt Leitner-Telser. Geschieht das häufiger, wird die Dauer der Sperre von Fall zu Fall länger. „Handelt es sich um strafrechtlich relevante Beiträge in Kombination mit massiver Uneinsichtigkeit des Users, so kann es auch vorkommen, dass das eine vollständige Sperre zur Folge hat.“

… ĂĽber Humor

Ist Humor ein probates Mittel? Ja, meint Leitner, aber nur bei leichteren Themen. „Gerade in Debatten zu heiklen politischen Themen verstehen viele User keinen SpaĂź und sind daher fĂĽr Humor kaum zugänglich“, so die Erfahrung von Leitner-Telser.

Vorrangig sei es aber ohnehin, sagt Leitner, dass alle Kollegen ĂĽber die rechtlichen Rahmenbedingungen gut informiert sind „vor allem im Bezug auf StGB und Mediengesetz“. Schwieriger sei es, die Netiquette durchzusetzen. Hier ist es unerlässlich sich wirklich mit den Usern auseinanderzusetzen. „Den richtigen Punkt zu erwischen, wann ein Eingreifen nötig und/oder sinnvoll ist, ist die schwierigste Aufgabe und erfordert viel Erfahrung und FingerspitzengefĂĽhl, aber auch durchgehende Aufmerksamkeit. Entgleitet einem Moderator oder einer Moderatorin eine Debatte und werden in der Folge ganze Threads gelöscht, so fĂĽhrt das unweigerlich zu massiven Protesten seitens der User.“ nach oben

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