💬 Der Heavy User

Was bewegt Menschen, Artikel zu kommentieren und sich an Online-Diskussionen zu beteiligen? Das wollte Christiane Teschl-Hofmeister wissen.

Im folgenden Text sind die (unbearbeiteten) E-Mail-Antworten von drei „heavy usern“ – fast alle haben sich gegen diesen Begriff gewehrt – zusammengefasst. Sie alle nutzen regelmĂ€ĂŸig die Foren der Online-Debatte bei ORF.at. Alle User wollten anonym bleiben. Das standen wir ihnen gerne zu, um ehrliche Antworten zu erhalten.

Wie viel Zeit verbringst Du tÀglich in Internetforen?

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User A: Es ist völlig verschieden. Es hat Zeiten gegeben (ewig her), da ist es fast zur Sucht ausgeartet. (…) Mit den Jahren ist es wohl weniger geworden. Ich wĂŒrde sagen, es sind vermutlich zur Zeit pro Tag nicht mehr als eine halbe Stunde bis Stunde (…). Manchmal sitze ich zur Entspannung wirklich zwei oder drei Stunden davor, manchmal ein paar Tage gar nicht oder nur ein paar Minuten.

User B: Das kann ich schon einmal nicht wirklich beantworten: Da ich die Foren zumeist neben meiner Arbeit offen habe und dort nur diskutiere, wenn der Arbeitsaufwand das zulĂ€sst, habe ich keine Ahnung, wie viel Zeit ich dort verbringe. Aber es kommt schon vor, dass ich dann in drei Foren gleichzeitig diskutiere (…).

User C: unterschiedlich, nach verfĂŒgbarer zeit und aktuellen themen. ganze tage oder mehrere tage keine.

Was reizt Dich daran?

A: Mich reizt daran, dass ich grundsĂ€tzlich ein politisch denkender Mensch bin. Es ist natĂŒrlich manchmal auch ein Ventil, wenn ich ĂŒber irgendwas grantig bin (…), wobei ich dann sogar manchmal Antworten bekomme, die mir helfen, mein Hirn einzuschalten. Manchmal ist es der Reiz an der Interaktion mit bereits bekannten Menschen, die etwas zu sagen haben. An erster Stelle steht allerdings die Tatsache, dass ich oft einiges dazu lerne, die Themen betreffend. (…)

B: In letzter Konsequenz reduziert sich also die Motivation fĂŒr mich heute auf zwei Punkte: das Ausleben einer (wie ich hoffe zivilisierten) Streitlust und das Bewusstsein, dass solche Foren eine (wenn auch kleine) Öffentlichkeit darstellen, in der man gesellschaftlichen und politischen Fehlentwicklungen entgegentreten kann und soll.

C: als ehemaliger zeitungsmacher, meine meinung kundzutun. und manchmal gegen die dummheit anschreiben.

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Hast Du den Eindruck, dass der Ton in Foren „schĂ€rfer“ wird?

A: (…) In sozialen Medien habe ich das GefĂŒhl, dass der Ton schĂ€rfer geworden ist. In dem Fall dĂŒrften auch extreme Grauslichkeiten gegen bekannte Personen zugenommen haben (mir fallen die Journalistinnen ein, die dazu öffentlich Stellung genommen haben), allerdings habe ich selbst diesbezĂŒglich nicht all zu viel erlebt bis jetzt.

B: (…) Der Ton wurde nicht schĂ€rfer, aber der scharfe Ton bzw. inhumane Positionen wurden normaler, und es wurde schwieriger, dagegen mit Sachargumenten aufzutreten, weil die viele User inzwischen im Stil ihrer politischen Vorbilder trainiert darin sind, dem auszuweichen.

C: nein. im gegenteil es wird zuviel zensiert. das ganze fĂŒhlt sich stellenweise an wie ein mĂ€dchenpensionat!!!!!

Wenn ja – stört Dich das?

Auf den ORF.at bezogen: Mich stört es zum Teil dann, wenn es sich um hirnlose SchĂ€rfe handelt. Es ist einfach nur mĂŒhsam, einem fakten-resistenten Troll inhaltlich zu begegnen (…) oder ihn zu ignorieren. Wenn aber andererseits der geistig ansprechende Inhalt da ist, ist der Tonfall fĂŒr mich nicht so schlimm.

Was zunehmende Exzesse des persönlichen Umgangs, aber auch des ziemlich unbedarften Umgangs mit Fakten (oder dem, was man dafĂŒr hĂ€lt) in anderen (sozialen) Medien betrifft, stören mich die extrem, und machen mir teils wirklich Sorgen.

B: Ich habe immer eine zugespitzte Debatte bevorzugt, und war als frĂŒherer Sportler anfangs der naiven Meinung, dass man einander auch nach heftigen Auseinandersetzungen die Hand geben und einen zivilisierten Umgang pflegen kann. Diese kindliche Fantasie musste ich aufgeben, denn ein großer Teil der User bevorzugt persönliche Feindschaften auf Basis kruder weltanschaulicher Grenzziehungen.

Andererseits habe ich eine ganze Reihen von Usern persönlich getroffen, und alleine diese persönlichen Bekanntschaften machen die vielen Trolle mehr als wett, denen man in den Foren begegnet. Noch dazu habe ich meine zweite Frau auf einem Treffen mit Usern kennengelernt. 🙂

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Wie gehst Du mit Kommentaren um, die menschenverachtend, rassistisch oder auf andere Weise „abstoßend“ sind. Kommentierst Du diese? Meldest Du sie? Oder handelst Du nach dem Motto „nicht einmal ignorieren“?

A: Geht es dabei um inhaltliche Unappetitlichkeiten? Ich werde in solchen FĂ€llen oft extrem sarkastisch, und mache mich ĂŒber die Wortmeldungen eher lustig – im ORF.at lenke ich die Aufmerksamkeit der Community-Betreuung darauf (meistens ist das gar nicht notwendig). Ab und zu fahre ich ziemlich direkt die verbale Faust aus, aber wenn ich das tue, weiß ich genau, dass ich die Diskussion nicht mehr fortsetze, denn dabei kommt nichts heraus (…).

B: Ich reagiere auf solche Kommentare unmittelbar und in aller im Rahmen der Forenregeln möglichen Deutlichkeit. Meines Erachtens kann und darf es in solchen FĂ€llen kein Ignorieren geben, und es ist ganz wichtig, die GrenzĂŒberschreitung solcher BeitrĂ€ge aufzuzeigen, die jenseits politischer Differenzen die kollektive Ablehnung erfordert.

C: melden nein – lĂ€cherlich diese „frau lehrer ich hab was gesehen – mentalitĂ€t“

Welche Regeln wĂŒrdest Du Dir als regelmĂ€ĂŸiger Forennutzer wĂŒnschen, damit die Diskussionskultur dort nicht unter ein Mindestniveau sinken kann?

A: (…) Das Problem mit Regeln ist, dass sie immer Interpretationsspielraum zulassen. Einzelne User verstehen Regeln oft völlig unterschiedlich. Es gibt wohl allgemeine Regeln, die man objektivieren kann: Etwa, andere Teilnehmer nicht zu beleidigen oder beschimpfen, keine Realdaten in den Foren zu veröffentlichen, die Foren nicht mit on-Top-Kommentaren zuzuspammen, usw. Aber schon bezĂŒglich der Frage, was zu einem Debattenthema noch dazugehört und was nicht, scheiden sich oft die Geister. (…)

C: das problem ist nicht das mindestniveau – manchmal muss man sich ausloggen weil die moderation sichtlich lustlos alles zu tode zensiert oder fachlich ĂŒberfordert ist oder fehlende allgemeinbildung derselben zu tage tritt. und es gibt moderatoren die sind einfach spitze lassen eine diskussion laufen und greifen erst ein wenn es unbedingt sein muss. das sind die sternstunden des forums. und niveau: das forum hat das problem von zu vielen arbeitslosen rechtsanwĂ€lten. ich sehe das problem so gross werdend, dass ich um den bestand um das leben des forums sorge habe.

Sind Sie selbst schon aus einem Forum ausgesperrt worden? Wenn ja: wie sind Sie mit der Sperre umgegangen?

C: ja. teilweise habe ich es provoziert weil grottenschlechte moderatoren entsetzlich genervt haben und teilweise wurde jagd auf mich gemacht und ich wurde beim geringsten grund sofort gesperrt. manchmal bin ich dann lange weggeblieben – lĂ€nger als ein jahr. sollte das forum zu tode beruhigt werden bleib ich ganz weg. nach oben

 

 

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