⌛ Vom Leserbrief zum Hass-Post

Hate-Speech ist kein neues Phänomen. Ein Blick in die Vergangenheit verrät, warum Redakteure und Leser seit zweihundert Jahren eine Hass-Liebe verbindet. Und niemand daran die Allein-Schuld trägt. Von Luise Schendel

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Mit seiner Dezember-Ausgabe 2016 ging der Spiegel in die Offensive. „Dieses ScheiĂźblatt“, druckte das Magazin in fetten Buchstaben auf seine Titelseite. Und setzte damit ausnahmsweise einmal kein Ausrufezeichen gegen verbale Gewalt in Kommentarspalten und sozialen Netzwerken. Sondern zitierte Altbundeskanzler Willy Brandt. Einen meinungsfreudigen Spiegel-Leser. Kein Problem fĂĽr die Demokratie – oder bereits Hate Speech? Der abschätzige Brandt-Kommentar ist Jahrzehnte alt. Seitdem ist der öffentliche Ton ruppiger geworden. Viele Jahre und ein deutsches Netzwerkdurchsetzungsgesetz später tun sich Politik und Massenmedien immer schwerer im Umgang mit ungeliebten Störern. Erst Anfang des Jahres fragte die Woche der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ob „das Vorgehen gegen Hetze im Netz schon als Zensur“ gedeutet werden könne. Und erntete bei Facebook dafĂĽr heftigen Gegenwind von den Nutzern. Ein historisch gewachsenes Dilemma.

19. Jahrhundert
Der Leserbrief hat Hochkunjunktur. Als klassische Form der Publikumsäußerung dient er dazu, Neuigkeiten, Berichte und Sichtweisen der Leser in der Zeitung zu verbreiten. Redaktionelle und nicht-redaktionelle Inhalte sind dabei kaum voneinander zu unterscheiden. Erst das Aufkommen von Nachrichtenagenturen und die Professionalisierung des Journalismus führen dazu, dass redaktionell verwertbare Einsendungen verstärkt aussortiert und damit rückläufig werden.

 

Was gab es da gleich noch frĂĽher, als es kein Internet gab?
Zum Beispiel die Zeitung. Auch dort hatten die
Redakteure ihre Sorgen mit renitenten Lesern.

1820
Hasskommentare (Hate Speech) sind bereits aus Einsendungen bekannt. Das Jauersche Wochenblatt äuĂźert sich dazu. Dort heiĂźt es: “ Das Jauersche Wochenblatt ist und soll […], blos Bekanntmacher gemeinnĂĽtziger Nachrichten seyn, aber nie zur Schandchronik der Stadt gemiĂźbraucht werden. Darum ersuche ich alle namenslosen Verfasser derjenigen, mitunter pasquillartigen Ausfälle gegen hiesige Familien und deren Glieder beiderlei Geschlechts, welche seit dem Januar d. Js. eingegangen sind, mich kĂĽnftig damit zu verschonen, und ihre Zeit besser anzuwenden.”

1945
Unter den westlichen Alliierten wird seit 1945 die Praxis der Veröffentlichung von Publikumskommentaren in eigenen Leserbriefsparten gefördert. Die Häufigkeit und der Umfang dieses Feedbacks werden von der jeweiligen Redaktion oder dem Verlag festgelegt. Treffen besonders viele und kontroverse Einsendungen zu einzelnen Themen ein, kann der Umfang der Leserbriefseite angepasst werden.

1974
Der Deutsche Presserat reichert seinen Pressekodex mit Richtlinie 2.6 an. Darin wird der Umgang mit Leserbriefen geregelt. Danach muss die Identität der Einsender ebenso verifiziert werden, wie Tatsachenbehauptungen in Leserbriefen. Pseudonyme können übernommen werden, wenn auf die Quelle hingewiesen wird.

1980
Das Usenet und später auch Compuserve stellen in den 1980er Jahren die ersten Newsgroups und Chat-Rooms für den Austausch zwischen Internet-Nutzern zur Verfügung.

1991
Das World Wide Web wird von Tim Berners-Lee gegründet und frei zugänglich gemacht.

1992
Die Chicago Tribune geht als erstes amerikanisches Medium online.

1994
Der Spiegel geht als weltweit erstes Magazin ins Netz. Der ehemalige Netzwelt-Ressortleiter von Spiegel Online, Frank Patalong, erinnert sich laut der Zeit (“Wie die Lesermeinung ins Netz kam”): „Plötzlich waren alle erreichbar. Journalisten, die sich mit der neuen Technologie beschäftigten, waren regelrecht angefixt von den neuen Möglichkeiten, die sich dadurch eröffneten.“ Ein im selben Jahr organisierter Live-Chat mit dem damaligen Ministerpräsidenten von Sachsen, Kurt Biedenkopf (CDU), galt als so vorbildhaft fĂĽr andere Medien, dass sogar das amerikanische Wall Street Journal ĂĽber das Ereignis berichtete. 1996 erweiterte der Spiegel sein Internetangebot schlieĂźlich um ein Forum, 2002 wurden die Spiegel-Kommentarbereiche unter Nachrichtenbeiträgen eingerichtet.

 

Zwischen Meinungsfreiheit und Unrecht: FAZ Woche
geht dem Phänomen Hate Speech auf den Grund.

1995
Die erste deutsche Tageszeitung, die Schweriner Volkszeitung, geht online. Ihr folgen in kürzester Zeit zahlreiche weitere klassische Printmedien, die um das vorhandene Aufmerksamkeitspotenzial des Publikums wetteifern. Es werden neue, digitale Feedbackmöglichkeiten für Leserbriefe wie E-Mails und computergenerierte Kommunikationsräume geboten. Die Möglichkeit der strategischen Nutzerbeteiligung wird zum
wichtigen Gradmesser des geschäftlichen Erfolges.

Schon im selben Jahr sieht der deutsche Presserat den Print-Journalismus einer Häufung rechtsextremer Inhalte in Leserbriefen ausgesetzt und richtet einen entsprechenden Appell an die Redaktionen: “Der Presserat sieht zunehmendwelt die Gefahr, dass rechtsradikale Zirkel in den Leserbriefspalten ein Forum suchen, das sie in redaktionellen Teilen nicht finden, und die Titel seriöser Tageszeitungen zur Aufwertung rechtsradikaler Propaganda missbrauchen. Er fordert deshalb die Redaktionen, insbesondere die Leserbrief-Redaktionen, zu erhöhter Wachsamkeit und Sorgfalt bei der Auswahl der Leserbriefe auf.”

1999
Eine Revolution in der Entwicklung der Leserkommentare löst die österreichische Medien-Website derStandard.at (gegrĂĽndet 1995) aus. Trotzdem der Leserdialog von vornherein geplant war, gibt es zunächst ein Leserforum, in das Leserkommentare, die per E-mail an den Standard geschickt werden, manuell online eingepflegt werden. Erst mit der EinfĂĽhrung der Kommentarfunktion durch die GrĂĽnderin und Verlagsleiterin Gerlinde Hinterleitner kommt es zur heute populären Leserkommentierung auf Internetseiten. „Wir bilden uns ein, die ersten mit Kommentarbereichen unter Artikeln gewesen zu sein“, sagt Hinterleitner.

Gleichzeitig richtet der Medien-Riese Heise online ein dezentrales Forum mit einem eigenen Foren-Wiki ein, das eine offene Diskussion ermöglichen soll. Zuerst noch mit geringer Beteiligung verzeichnet Heise Online bereits Ende 2000 über 30.000 verschiedene Identitäten.
Moderiert werden die Inhalte auf der Plattform aber nicht. Die Redaktion greift nur dann in Inhalte ein, wenn bedenkliche Kommentare gemeldet werden. Dies geschieht durch das so genannte Fischwerfen. Indem ein Forennutzer auf einen vermeintlichen Troll-Beitrag mit den Fischzeichen <:(-(-(<< antwortet, wird der vorherige Beitrag als schädlich gekennzeichnet. Das zuerst kryptisch erscheinende Fischzeichen hat seinen Ursprung in einem Monkey Island-Abenteuerspiel. Dort bewacht ein Troll eine Brücke und kann nur durch das Werfen eines roten Herings zur Freigabe bewegt werden.

2006
Die Internet-Plattformen werkenntwen, StudiVZ, SchülerVZ und meinVZ sind am Start und bieten neue und dynamische Möglichkeiten der Kommunikation. Dadurch vergrößert sich auch die Bereitschaft, journalistische Artikel zu kommentieren.

2009
Der Begriff Troll, welcher einen Menschen beschreibt, der mit seinen Beiträgen gezielt Diskussionen behindert oder Reaktionen provoziert, findet seinen Weg aus den Foren und Chats des World Wide Web hinein in die Kommentarspalten der Online-Medienauftritte.

Gleichzeitig wird Facebook zum fĂĽhrenden Social-Media-Angebot in Deutschland und lässt die Zahl der Nutzer in Foren von Verlagswebseiten stark zurĂĽckgehen. In der Folge konzentrieren sich die einige Tageszeitungen auf ihren Facebook-Auftritt. Manche Zeitschriftenredaktionen sind nun ausschlieĂźlich auf diesem sozialen Netzwerk zu finden. 

2010
Bei stern.de wird die Möglichkeit der unmittelbaren Kommentierung gestrichen. Stattdessen erhalten Nutzer die Möglichkeit, sich an der Wissens-Community „Noch Fragen?“ zu beteiligen.

 

Hinter dem Bildschirm fĂĽhlen sich so genannte Trolle sicher.

2012
Die Redaktion von Netzpolitik.org spricht sich öffentlich gegen den Einsatz von externen Community-Systemen und fĂĽr einen weitreichenden Datenschutz aus: „Erweiterungen von externen Diensten wie Disqus oder Facebook kommen dabei fĂĽr uns nicht in Frage. Wir bemĂĽhen uns, die Datensammlungen durch fremde Tracking-Systeme in diesem Blog weitgehend zu minimieren.“ Die Welt hält noch 2016 mit einem ResĂĽmee dagegen: “Trotzdem haben wir in den letzten vier Jahren weit ĂĽber zehn Millionen Leserkommentare erhalten.” Dennoch trennt sich auch die Welt noch im selben Jahr von Disqus.

2013
Eine groß angelegte Leserkommentar-Studie von Dietram Scheufele und Dominique Brossard belegt die Wirkkraft von Leserkommentaren. In der Forschung bekam eine Hälfte der Probanden konstruktive Leserkommentare zu lesen, die andere Hälfte gegenteilige. Das Ergebnis: Leserkommentare können signifikant die Gedanken von Lesern über einen Artikel beeinflussen. Oft habe sich bei den Lesern der negativen Kommentare auch die Interpretation des Textes verändert (der sogenannte Nasty Effect). Diese hänge stark vom Ton des Kommentars ab, so die Forscher.

Eine andere Studie des Forscherteams um den Journalisten und Hochschullehrer Volker Lilienthal stellt heraus, dass nur noch 16 Prozent der untersuchten regionalen Tageszeitungs-Webseiten ein Forum aufweisen, in dem sich Nutzer mit eigenen Inhalten einbringen können. Der Grund: Verlage schlossen eigene Foren, weil sie nicht mehr wuchsen und verlagerten ihre Bemühungen mit großem Erfolg auf die Betreuung von Facebook-Seiten unter dem Namen ihrer Medienmarke.

2014
Die Website Süddeutsche.de lässt keine direkte Kommentierung unter den Artikeln mehr zu und setzt stattdessen auf das externe Kommentiersystem rivva.
Das Mindener Tageblatt geht dazu über, mit der Neugestaltung der gedruckten Zeitung nicht nur die Platzierung von Leserbriefen in der Zeitung zu verändern, sondern sämtliche Leserbriefe ungekürzt online zu stellen.

Im selben Jahr schalten groĂźe Nachrichtenseiten ihre Kommentarfunktionen ab (darunter Reuters, Bloomberg, Popular Science und The Week). Etwas später folgen auch deutsche Medien wie die Fuldaer Zeitung (2016). Zur BegrĂĽndung heiĂźt es dort: „Die Moderation der Kommentare nimmt inzwischen mehrere Stunden Arbeitszeit täglich in Anspruch. Dabei mĂĽssen wir uns – neben vielen sachlichen und lesenswerten Leserkommentaren – allerdings zunehmend persönliche Beschimpfungen und Beleidigungen sowie aggressive Beiträge einiger weniger Nutzer durchlesen. Kommentare, die Sie als Leser niemals zu lesen bekommen, wir aber Tag fĂĽr Tag fĂĽr Sie ‚konsumieren‘ und löschen. Das nimmt viel Zeit in Anspruch – und kostet zudem eine Menge an Nerven. Diese Zeit und Energie möchten wir lieber dafĂĽr nutzen, Ihnen mehr interessante Inhalte auf unserem Portal anbieten zu können.“

Oft wird vor allem die Zunahme fremdenfeindlicher und rassistischer Ă„uĂźerungen in Verbindung mit der FlĂĽchtlingsthematik (2014/2015) und der Veränderung der Debattenkultur in Deutschland gebracht. Eine 2017 veröffentlichte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung kommt aber zu einer anderen Erklärung: “Tatsächlich handelt es sich um ein weltweites Phänomen.“ Der englische Guardian äuĂźert bereits 2016 diese Vermutung und spricht im Zuge der Entwicklung vom „rising global phenomenon of online harassment“.

Hate Speech? Kann jeden treffen. Auch der Spiegel
hatte schon einmal das VergnĂĽgen. Mit dem
Altbundeskanzler Willy Brandt.

2015
Der deutsche Presserat passt seine Richtlinien zu Nutzerbeiträgen in seiner Richtlinie 2.7 an. Dort heiĂźt es nun: „Die Presse trägt die Verantwortung fĂĽr ihre Angebote, auch fĂĽr die von Nutzern beigesteuerten Inhalte (User-generated Content). Von Nutzern zugelieferte Beiträge mĂĽssen als solche klar erkennbar sein. Die Redaktion stellt die Einhaltung der publizistischen Grundsätze sicher, wenn sie Verstöße durch Nutzerbeiträge selbst erkennt oder darauf hingewiesen wird. Sofern die Redaktion einzelne Nutzerbeiträge auswählt oder sie bearbeitet, ist die Einhaltung der publizistischen Grundsätze von vornherein sicherzustellen.“

2016
Eine Umfrage des Branchenblattes journalist legt offen, dass innerhalb des Jahres 2015 mindestens 27 von insgesamt 119 deutschen Tageszeitungs-Vollredaktionen ihre Kommentarmöglichkeiten eingeschränkt haben.

Zugleich etabliert die Zeit einen Online-Blog, in dem alle Leserbriefe ungekürzt und sortiert nach den jeweiligen Ausgaben online gestellt werden. Das ruft einen Medienbruch hervor. Beiträge, die ursprünglich als Kommentar für die gedruckte Zeitung gedacht waren, erscheinen mit Klarnamen unterzeichnet online in einem eigenen Leserbrief-Bereich und sind über Suchmaschinen auffindbar.

Der Medienauftritt Welt Online fĂĽhrt eine Software ein, die Beleidigungen und andere verbotene Ă„uĂźerungen automatisch herausfiltern soll. „Ab sofort unterliegen Ihre Beiträge und Daten wieder dem strengeren EU- und Bundesdatenschutzgesetz“, heiĂźt es von Verlagsseite. Man werde in Zukunft die Nutzerdaten innerhalb der eigenen Systeme aufbewahren. Die neue Software wurde von der Bernauer Firma Ferret Go programmiert. Ihrem Algorithmus liegen nach Aussagen der Inhaber 8,5 Millionen Kommentare aus den vorangegangenen fĂĽnf Jahren zu Grunde. Ihre Fehlerquote soll bei nur vier Prozent liegen.

2017
Die NZZ beschränkt Kommentare auf wenige ausgewählte Themen pro Tag.

Am 1. Oktober tritt das umstrittene deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz in Kraft. Es richtet sich gegen Falschmeldungen (Fake News) und Hetze in sozialen Netzwerken, fordert ihre Löschung und betrifft nicht die Kommentarspalten der Verlagswebseiten.

Dennoch wird am Netzwerkdurchsetzungsgesetz besonders deutlich: Es ist nur ein schmaler Grad zwischen Meinungsfreiheit und Hasskommentar. Und der Umgang mit den sogenannten Trollen ist noch immer nicht abschließend geklärt. nach oben

 

 

*Im Wesentlichen wurde vor allem auf folgende Quellen zurĂĽckgegriffen:

Andreas Vogel. #wortgewalt(ig).Leser_innen- und Nutzer_innen-Kommentare in Medienöffentlichkeiten (Berlin 2017), S. 31-40.

Christoph Schattleitner. Wie die Lesermeinung ins Internet kam. In: Zeit Online, 6.6.2015. Aufgerufen am 15.2.2018.

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